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Eine jüdisch-chinesische Liebesgeschichte in Shanghai
— eine Buchempfehlung
Su Xiaoqin
Stefan Schomann, Letzte Zuflucht Schanghai – Die Liebesgeschichte von Robert Reuven Sokal und Julie Chenchu Yang. Heyne Verlag, 2008
Chinoiserie alt und neu
Chinoiserie ist eine Randerscheinung der europäischen Kunst. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der oberflächlichen Chinamode. Sie hat den Anspruch, zeitkritisch zu sein. Friedrich der Große, der Philosoph auf dem Thron (der tatsächlich aber mehr Kriege geführt hat als sein Vater, der Soldatenkönig) hatte nicht nur wie fast alle Fürsten seiner Zeit ein chinesisches Teehaus im Garten bauen lassen, er hatte sogar sechs fiktive Briefe verfaßt, in denen ein reisender chinesischer Mandarin seinem Kaiser allerlei merkwürdige Dinge aus Europa berichtet.
Wer das chinesische Teehaus im Park Sanssouci in Potsdam gesehen und sich näher mit Chinoiserie beschäftigt hat, weiß: Es geht hier nicht um China. Chinoiserie ist eine Projektion. Im Auge des Anderen sehe ich das Bild meines eignen Ichs: Das ist das Wesen der Chinoiserie. Darum ist Chinoiserie ein hartnäckiges europäisches Randphänomen.
Neuerlich ist mir eine Blüte der neuen Chinoiserie in die Hände gefallen: Ursula Krechels Shanghai fern von wo (Jung und Jung Verlag, 2008). Wenn man erwarten würde wie ich, viel über Juden in Shanghai in den 1930/40er Jahren zu erfahren – wie der Klapptext und die Lesungsankündigung im Heine-Haus in Düsseldorf (29.06.2009) zu verstehen geben – wäre man arg enttäuscht.
Die Verantwortung dafür trägt nicht die Autorin. Der Text ist als Roman geschrieben und als solcher gekennzeichnet. Romancier hat alle künstlerische Freiheit, also warum nicht auch die Freiheit zu einer neuen Form von Chinoiserie? Warum nicht Juden im fernen Shanghai? "Shanghai" klingt jedenfalls zauberhafter als das Tuberkulose-Sanatorium auf dem Berg.
Der Schomannsche Zauber
Mit Letzte Zuflucht Schanghai ist Stefan Schomann ein gelungenes Buch über Juden in Shanghai geglückt. Das Buch ist kein Roman — aber atmosphärisch, detailreich und sprachlich brillant geschrieben. Es erinnert mich an Jorge Semprúns Was für ein schöner Sonntag! (Roman u.a. über Buchenwald). Hier eine kleine Probe:
»Es war niemand zu Hause, nur ich. Die Glocke läutete – ich hielt den Atem an und spähte durchs Guckloch. Es kamen öfter SA-Leute, um die Mietsparteien zu kontrollieren. Doch es stand nur ein Bettler vor der Tür, so öffnete ich nicht, sondern schlich zurück ins Zimmer. Da läutete es abermals, und ich äugte noch einmal nach draußen. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Gestalt. Und plötzlich wurde mir klar, dass das mein Vater war. Kahl geschoren, ohne Brille, übel zugerichtet. Mehrere Zähne waren ihm ausgeschlagen worden, er wirkte ganz verwahrlost und versehrt, und ein zerlumpter Mantel umhüllte ihn bis zu den Knöcheln. Wer weiß, wo er den herhatte; er war ja schon im Sommer inhaftiert worden. Natürlich ließ ich ihn nun sofort herein, aber was sich danach zwischen uns abspielte, daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Doch ich sehe mich noch heute durch das Guckloch spähen.« (S. 13)
Letzte Zuflucht Schanghai ist die Liebesgeschichte von Robert R. Sokal und der Chinesin Julie Chenchu Yang. Seine Familie flüchtete vor den Nazis aus Wien, ihre Familie vor den Japanern aus Ningpo. Sie kamen nach Shanghai. Beide studieren später Biologie an der St. John's Universität, wo sie sich kennenlernen. Sie verlieben sich und heiraten schließlich – trotz allen Widerständen und Bedenken beider Familien. Sie sind eines der zehn jüdisch-chinesischen Paare aus jener Zeit, so Schomann (Lesung am 02.07.2009 im Konfuzius-Institut Düsseldorf). 18000 Juden hatten Zuflucht in Shanghai gefunden.
Letzte Zuflucht Schanghai erzählt nicht nur die Geschichte zweier Liebenden. Man erfährt viel über die unruhige Zeit in Wien, in Ningpo und über das Leben in Shanghai. Dies sicherlich auch dank des glücklichen Umstandes, daß Herr Sokal und Frau Yang beide noch am Leben sind und sich über ein dreiviertel Jahr mit dem Autoren intensiv ausgetauscht haben.
Im folgenden erzählt Julie Yang von einem ihrer Kinobesuche in Shanghai. Das Mädchen ist eine leidenschaftliche Kinogängerin.
»Da abends Ausgangssperre herrschte, begannen die Kinovorstellungen jetzt früher. Man bekam nur noch Produktionen gleichgeschalteter Studios sowie Propagandafilme der Japaner und ihrer Verbündeten zu sehen. Riefenstahls Olympia lief eine Weile sehr erfolgreich. Schließlich aber wurde er abgesetzt, weil das Publikum immer dann klatschte, wenn Sportler aus alliierten Ländern zu sehen waren. Selbst harmlose Kinobesuche konnten böse enden. Bei einer Vorstellung der Wiederkehr der Schwalbe wurde wie gewohnt vor Beginn Werbung gezeigt, die übliche Diaschau für Zigaretten, Sojasaucen und Kosmetika. Dann aber erschien ein Foto von Sun Yat-sen (großer Applaus), danach eines von Tchiang Kai-schek (verhaltener Applaus) und schließlich eines von Wang Tsching-wei (Stille) – fast wie eine verhaltensbiologische Versuchsreihe. Anschließend ging das Licht an, die Saaltüren flogen auf und japanische Soldaten drängten, die Gewehre im Anschlag, herein. "Warum klatscht ihr nicht?" brüllte ein Offizier. Doch niemand getraute sich, etwas zu sagen. Bis sich schließlich ein Mann erhob. Er wolle dies, sprach er mit kantonesischem Akzent, im Namen der Zuschauer erklären. [......]« (S. 130f.)
Der Mann mit kantonesischem Akzent gab seine Erklärung ab und wurde abgeführt. Und Sie, der Leser, brauchen kein spezielles Wissen über China oder die Juden in China zu haben, um in dieses ungewöhnliche Buch eintauchen zu können. Ich, geboren in Shanghai, bin jedenfalls auf meine Kosten gekommen. Ich erfahre nicht nur vieles über Juden in Shanghai. In diesem Buch war das Shanghai der 1930/40er lebendig.
(03.07.2009)
- Hits: Updated:2011/02/20
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